Buchrezension: Die große Gereiztheit – wie sie uns beeinflusst und was wir tun können

Bernhard Pörksen greift die mittlerweile seit vielen Jahren immer deutlicher wahrnehmbaren Stimmungsschwankungen und angespannten öffentlichen Debatten auf, die aggressiver und intoleranter werden. Der Tübinger Sprachwissenschaftler analysiert öffentliche Kommunikationsmuster und weist auf die Mechanismen hin, die uns Lesende beeinflussen und nervös machen. 


Unwetter- und Terrorwarnungen, Gerüchte, moralische Beurteilungen, Skandale und Spektakel in Echtzeit und Fake-News-Debatten: Für den Autor existiert die vernetzte Welt längst in einer Stimmung von Nervosität und Gereiztheit. Pörksen beschreibt auch die kommerziellen Hintergründe und das große Geschäft mit der Desinformation. Er führt vor, wie sich die Dynamik von Enthüllungen und der Umgang mit Informationen in Debatten verändern. Jeder wird zum Sender, alle nehmen Einfluss auf die öffentlichen Debatten. Mit dem schwindenden Einfluss von öffentlich-rechtlichen Medien schwindet auch die Idee von einer faktenbasierten und objektiv recherchierten Wahrheit. Informationen erreichen uns zeitlich lange bevor die Fakten wirklich gut recherchiert, analysiert und professionell reproduziert werden. Skandale funktionieren besser, weil sie sich emotional aufladen lassen. Große Gefühle wie Wut heizen die Stimmung auf und finden ihr Publikum. 


Zwischen Medienflut, Rückzug, Vermeidung und Misstrauen gegenüber Medien bewegen sich viele Kommunizierende oder Lesende teils verstört, beunruhigt, frustriert oder skeptisch und wünschen sich mehr Verlässlichkeit sowie einen klügeren und glaubwürdigeren Umgang mit Daten und Informationen. 

„Die programmierte Überraschung und der Effekt der Verstörung gehören zu den Schlüsselmerkmalen medialer Kommunikation.“ (S. 122)

Die große Gereiztheit – ein passender Titel für eine unterschwellige Nervosität und Irritation, der wir uns ständig ausgesetzt fühlen oder, je nachdem wie wir es sehen wollen, selbst aktiv aussetzen. Ein Essay, benannt nach einem Kapitel aus dem Zauberberg von Thomas Mann, das anknüpft an die seinerzeit beunruhigende Zeiten und für den aktuellen kommunikativen Klima- oder Kulturwandel sensibilisiert und Wege aus der kollektiven Erregung aufzeigt.


Fünf Krisen-Schwerpunkte

Laut Pörksen sind wir alle dem „Terror des Augenblicks“(S. 120) ausgeliefert, denn wir werden „behelligt, ob wir wollen oder nicht“, wenn wir Teil der Medienwelt oder „des Informationsuniversums“ sind. Eine teilweise „schockierende Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren provoziert Disharmonie, in einer entgrenzten und barrierefreien Öffentlichkeit“ (S. 124). Informationen gelangen somit in unseren Alltag und wir können ihnen kaum entkommen. Als eine Folge dessen zeigt sich laut Pörksen eine andauernde Gereiztheit oder Verstörung, da wir uns in manchen Debatten oder den Meinungsmachenden oder Diskutierenden rund um Menschheitsfragen schutzlos ausgeliefert fühlen. Wir können dann nicht immer wissen, was stimmt, und suchen nach Anhaltspunkten für Wahrheiten oder Wirklichkeiten. 

Die Unterscheidung von fünf Krisen-Schwerpunkten verleiht dem Buch und der Thematik eine Struktur:


·      Wahrheitskrise

·      Diskurskrise

·      Autoritätskrise

·      Behaglichkeitskrise

·      Reputationskrise


Anhand dieser Punkte führt Pörksen vor, wie allgegenwärtig das Netz und wie allmächtig aus seiner Sicht, die fünfte Gewalt (Soziale Medien) die vierte Gewalt im Staat, die Medienmacht, ist. Und wie wir selbst als aktive oder passive User längst bewusst oder unbewusst Teil dieser Welt und dieser Macht geworden sind. Jenseits von „Ego-Rezepten“ – die einer individuellen Strategie entsprechen (z.B. Verzicht auf Soziale Medien oder Detox-Strategien), die er nur als Option für wenige identifiziert, weist er darauf hin, dass Einzelne und die Gesellschaft einen klügeren und sorgfältigeren Umgang mit den eigenen Affekten und den daraus abgeleiteten Handlungen praktizieren.


„Wie verknüpft man Aufregung mit Relevanz? Und wie verbindet man die Reflexe menschlicher Wahrnehmung und Aufmerksamkeitssteuerung (die Orientierung am Konkreten, Anschaulichen, Emotionalen) mit einer Agenda, die eine allgemeine Bedeutung besitzt?“ (S. 155)


Pörksen präsentiert sich selbst nicht als Kulturpessimist, er verweist auf konkrete Szenarien aus den letzten Jahren, zitiert Journalisten, Medienmenschen, Kommunikationswissenschaftler und Experten aus dem breiten digitalen und medialen Umfeld und greift dabei auch auf die philosophisch-psychologische Gedankenwelt zurück. Und zeigt anhand einzelner Beispiele auf, dass die Allgegenwart eines Skandals heute andere Dynamiken aktiviert als in einer Zeit vor den sozialen Medien. Allzu leicht führen diese Massendebatten zu einer publikumsgetriebenen Skandalisierung und zu einer Asymmetrie von Vergehen und Strafe.


„Aber in der allmählich entstehenden Empörungsdemokratie werden auch Unbekannte, Ohnmächtige und gänzlich einflusslose Menschen, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status, an den Pranger gestellt.“ (S. 159)


Pörksen richtet seinen Blick in besonderem Maße auch auf die Gatekeeper und Professionals, die zentrale Rollen, Verantwortlichkeiten und Funktionen wahrnehmen. Er sensibilisiert für einen verantwortungsvollen Umgang auch derer, die Informationen als Konnektoren oder prominente Vermittelnde an relevanten Knotenpunkten weitergeben und zur schnellen, ungeprüften Informationsweitergabe beitragen. Damit spricht er Politikverantwortliche, Medienschaffende und Produzenten an.


Die redaktionelle Gesellschaft

Pörksen entfaltet im letzten Kapitel des Buches seine persönliche Empfehlung, die sich an uns alle als Gesellschaft und auch an die Journalismusbranche im Besonderen richtet. Er entwickelt sieben konkrete Prinzipien der Verantwortungsübernahme:


·      Wahrheitsorientierung

·      Skepsis

·      Verständigungs- und Diskursorientierung

·      Relevanz und Proportionalität

·      Kritik und Kontrolle

·      Ethisch-moralische Abwägung

·      Transparenz


In Anlehnung an Carl Friedrich von Weizsäcker hält er es für notwendig, „den Raum der Freiheit zu planen“ sowie produktive und nützliche Maximen der kommunikativen und publizistischen Selbstkontrolle zu umschreiben. Seine Vorstellung für eine „konkrete Utopie einer redaktionellen Gesellschaft“ verfolgt das Ziel, die ständig wahrnehmbare latente oder spezifische Gereiztheit aufzulösen.


„Wahrheitsorientierung bedeutet, unabhängig von allen erkenntnisphilosophischen Grundsatzfragen, nach bestem Wissen und Gewissen unter Verwendung unterschiedlicher, möglichst vielfältiger, voneinander unabhängiger Quellen zu beschreiben, was man vorfindet, dies in dem Wissen, dass absolute Gewissheit unerreichbar bleiben muss. (S. 191)


Um Falschmeldungen in Serie durch die sozialen Netzwerke entgegenzuwirken, fordert Pörksen Leitwerte, aber auch die Haltung einer prinzipiellen Skepsis und Infragestellung sowie eines Gewichtens jeglicher Informationen. Empathie als Fähigkeit, auch die andere Meinung hören zu wollen, gepaart mit der Bereitschaft zur Selbstkritik und uneingeschränkter Offenlegung eigener Vorgehensweisen und Arbeitspraktiken.


Abschließend greift er die Forderung Katharine Viners, Chefredakteurin des Guardian, nach einem dialogischen Journalismus auf, bei dem das Publikum zum Dialog- und Diskurspartner wird und aktiv in den Prozess der Wahrheitsfindung einbezogen wird. In diesem Sinne wird Kommunikation als eine kollektive Anstrengung verstanden, bei der am Ende nur ein ungelöstes Problem anzupacken wäre, um zusätzlich auch eine gewisse Filtersouveränität zu erreichen: die Regulierung der die Plattformen Betreibenden. Mit eigenen detailliert ausbuchstabierten Richtlinien und Ethikkodizes, die der öffentlichen Diskussion zugänglich sind, schlägt Pörksen vor, Plattformen als Medien zu begreifen, mit eigener Öffentlichkeitsredaktion und Transparenzberichten, aus denen die publizistische Verantwortung, ethische Leitlinien sowie Seriositäts- und Qualitätsansprüche ablesbar werden.



Egal wie lang der Weg in eine durch den Autor angeregte Medienmündigkeit, die bereits beim Schulbesuch beginnen sollte, auch dauern mag, der Weg beginnt sicherlich mit dem Eingeständnis, selbst aktiv mitzuentscheiden. Als Einzelne und als Gesellschaft, die insgesamt schon eine recht lange Zeit dem Geschehen hinterhergelaufen sind, geht es jetzt darum, einen ethischen Diskurs zu führen, Regeln zu kreieren und Entscheidungen zu treffen. Es geht schließlich auch um unsere psychische Gesundheit. Eine aktive Auseinandersetzung ist längst überfällig. Das Buch regt an, diese Debatte mit der notwendigen Ernsthaftigkeit – aber ohne unnötige Gereiztheit – zu führen.


Angaben zum Buch:

Pörksen, Bernhard: Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München: Carl Hanser Verlag 2018. 256 Seiten.

Gebundenes Buch: ISBN 978-3-446-25844-0, 22,00 Euro

Taschenbuch: ISBN 978-3-442-14272-9, 11,00 Euro

E-Book: ISBN 978-3-446-25956-0, 10,99 Euro


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