Zehn Jahre Wut brechen heraus, um unaufhaltsam das Schlimmste zu rechtfertigen: Plündern, Morden, Vergewaltigen. Der Krieg sprengt die Ketten von Moral und Sitte. Und das wirkt sich wiederum auf die Welt aus.
Diese Eskalation postuliert Christopher Nolans Filmübersetzung des Epos „Odyssee“ von Homer. Dabei bezieht der Regisseur, wie zuvor in seinem Film „Oppenheimer“, das Unbewusste, die menschliche Psyche mit ein: den Schmerz des Zweifels, das Streben nach Aufrichtigkeit. Nicht während des Kampfes, wo es mit List und Tücke gilt, den Sieg zu erreichen, doch danach, in den Momenten der Kontemplation. Alles im Verbund mit einer höheren Macht, hier im Film wie bei Homer mit den Göttern, allen voran mit Athene.
Die Irrfahrten des Odysseus sind zugleich der Weg einer Distanzierung von einer banalen, unkritischen Haltung während des Trojanischen Krieges nach dem Prinzip: Er kam, sah und siegte. Die Ergänzung dazu liegt in den Fragen: Was dann? Was ist erreicht? Was ergibt sich daraus? Gipfelnd in der genuinen griechischen Fragestellung nach dem Wohlbefinden, der Glückseligkeit, wie es durch das griechische Wort eudaimonía ausgedrückt wird.
Nolan lässt seinen Held erst nach den Kriegsereignissen zum wahren Helden aufstreben, mit menschlichen Zügen, wie Stolz und Neugier, die ihn und seine Mannschaft auch in Gefahr bringen. Und doch: Als Abenteuer suchender Krieger fühlt er sich auch den eigenen Wurzeln verpflichtet. Gestrandet und umsorgt von Kalypso, der Meeresgöttin, die ihn ungern ziehen lassen möchte, erkennt Odysseus, wo er herkommt und wohin es ihn zurückzieht. Der König von Ithaka erinnert sich seiner Frau und seines Sohnes und bricht ins Ungewisse auf.
Sein Vorbewusstsein sendet ihm Signale, spielt Sequenzen des Erinnerns ein. Er spürt, es sind nicht nur gute Erinnerungen. Der Krieg ist gewonnen. Doch um welchen Preis? Die wiederkehrenden Gedanken und Gefühle beinhalten auch schmerzvolle Erkenntnisse. Seine innere Stärke will sich der Vergangenheit stellen. Das bedeutet, die Wahrheit, die Wirklichkeit auszuhalten und Verantwortung zu übernehmen. Diesen Schmerz zu erkennen, auszuhalten und anzunehmen, hilft ihm dabei, die verheerenden Kriegsbilder zu verarbeiten und schließlich das Trauma, das ihm die Erinnerungsfähigkeit genommen hatte, zu überwinden.
Die dreistündige Inszenierung ist wahrlich eine gelungene Umsetzung des homerischen Epos. Und lässt uns teilhaben an dem damaligen Leben. Der Film verzichtet auf Animationen. Spielt in ursprünglichen Steinbauten oder auf hölzernen Schiffen, die mit Holzrudern gelenkt wurden. Kein Schnickschnack, keine Ablenkung. Es geht um die Aufgabe. Es geht um Macht. Es geht um den äußerlichen und den inneren Kampf gegen Gier, Macht und Herrschaftswillen. Es ist ein männlicher Film. Eine dunkle Zeit. Körper wie Maschinen, die an Land und auf See ihre Schlachten gewinnen müssen. Getrieben von Willen und Unwillen der Götter, deren Macht manchmal mit unmenschlichen Opfergaben besänftigt wurde. Manche Kampfszenen hätten dazu vielleicht auch gekürzt ihren Sinn erfüllt.
Trotz klassischer Rollenzuweisung für ihn, den kämpfenden und verantwortungsvollen König, und sie, die wartende und regierende Königin, vermittelt der Film auch die Klugheit und die Stärke beider Persönlichkeiten: Sie stehen sich gegenseitig in nichts nach, ihre Tugenden und ihre Werte innerlich wie äußerlich zu vertreten. Das gelingt Regisseur Nolan auch durch die großartige Besetzung mit Matt Damon als Odysseus und Anne Hathaway als Penelope.
Und der Lichtblick am Horizont ist – Hollywood sei Dank – auch angedeutet: Eine neue Generation übernimmt das Zepter. In Telemachos vereinen sich männliche und weibliche Stärken und schaffen, so wäre es wünschenswert, einen neuen Herrschertypus.
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