„Als Annette Dittert am 31. Januar 2020 um Mitternacht vor der Downing Street stand, um live in den ARD-Tagesthemen darüber zu berichten, dass der Brexit in dieser Nacht nun endgültig vollzogen sei, schossen ihr kurz vor der Schalte plötzlich Tränen in die Augen. […] Jetzt war der Bruch mit der EU nicht mehr umkehrbar. Für sie und viele Briten, die bis zum Schluss noch auf einen anderen Ausgang gehofft hatten, ein bedrückender Tag.“ (Aus der Verlagsankündigung).
Für ihre Berichterstattung zum Brexit wurde Annette Dittert später ausgezeichnet. Ihre Betroffenheit blieb: Sechs Jahre nach der historischen Schalte und zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum fragt sich die Journalistin, Filmemacherin und ehemalige Auslandskorrespondentin der ARD, was aus dem Land geworden ist, das längst zu ihrer Wahlheimat wurde – denn sie lebt bis heute mitten im Zentrum Londons, auf einem kleinen Hausboot mit Garten.
Der Titel des Buches zeigt auf, was Ditterts vorrangiges Anliegen dabei ist: Sie macht sich auf die Suche nach der Seele der ehemaligen Weltmacht und ihrer Bewohner. Als Lesende begleiten wir sie auf eine Reise über die Insel sowie bei Gesprächen und Interviews mit aktuellen und ehemaligen Würdenträgern: Aktivistinnen, Politikerinnen, Priestern, Historikern, Adligen und den einfachen Menschen auf der Straße. Ob bei einem Besuch des House of Lords oder in der Royal Albert Hall, ob als Zuschauerin von kulturellen Ereignissen mit Walisern oder Schotten, im Zentrum steht immer die Frage, wer sind diese Menschen, die sich nicht alle als Briten verstehen. Was verbindet sie? Was trennt sie?
Es gibt darauf nicht die eine Antwort, das begreift man schon nach wenigen Seiten, es sind Gespräche mit eigenwilligen, manchmal sehr selbstbewussten und dann auch wieder sehr bescheidenen, demütigen Menschen. Vielleicht sucht Dittert die Antwort auf die Frage nach der Seele oder dem Wesen dieser Menschen nicht nur für ihre Lesegemeinschaft, sondern auch für sich selbst – gleichsam als eine Bestätigung, weshalb sie sich selbst dieser Gemeinschaft so zugehörig fühlt und sich entschieden hat, dort zu bleiben.
Für Inselbewohner ist Wasser etwas Elementares. Es ist überall präsent. Wie wir erfahren, ist es aber von keiner vorzeigbar guten Qualität. Im Schlamm der Themse nach Schätzen zu suchen, ist dabei ungefährlicher als Wasserbaden oder regional angebaute Austern zu verspeisen. Die Privatisierung der Wasserversorgung, ein Erbe der Thatcher-Regierung, hat seinen Preis. Überall fließt Kloake in die offenen Küstengewässer. Ein Grund von vielen, der zu aktuellem Unwillen und sogar zur Auflehnung von Briten führt, die um die eigene Gesundheit und die Gesundheit ihrer Kinder bangen.
Durch Annette Dittert erfahren wir, dass ein großer Teil des „Pomp and Circumstance“ der Royal Family erst Ende des 19. Jahrhunderts erdacht wurde. Glanz und Glorienschein für das Volk, um das unpopuläre Königshaus wieder attraktiv zu machen. Doch wir erfahren auch, dass abseits von Zeremonien und Showeffekten das Königshaus als Schutzschild für die britische Gesellschaft eine stabilisierende Rolle einnimmt. Und somit auch die Demokratie stabilisiert.
Bei einem Blick hinter die Tradition des Königshauses findet die Autorin so einige Anlässe für Ärgernisse und stellt nicht unberechtigt die Frage, weshalb als längster Bewohner von Downing Street ausgerechnet Larry the Cat angesehen werden kann. Viele, die dort eine Zeit lang – kürzer oder länger – wohnten, haben ihre politischen Versprechen nicht eingehalten. Die Armutsschere driftet unaufhaltsam weiter auseinander. Den Briten fehlt eine Tradition des Aufbegehrens mit revolutionärem Kampfgeist, wie es die Franzosen verkörpern. Mangelnder Selbstwert, Ohnmacht und große Unzufriedenheit machen aber auch verführbar für demokratiefeindliche Kräfte. Schon der Brexit war das Versprechen an die kleinen Leute, dass es ihnen besser gehen würde, wenn die europäischen Fesseln erst abgestreift wären. Die Monarchie und somit die Erinnerung an die einstige Weltmacht stehen für das frühere selbstbewusste Empire, tragen aber nicht unbedingt zu einer gelingenden Zukunftsgestaltung bei:
„Monarchy is what England has instead of a sense of identity.“ (David Mitchell S. 19)
Die Identität zeigt sich vielleicht darin, in einer bis zu 16 Kilometer langen Schlange anzustehen, um bis zu 24 Stunden darauf zu warten, sich von der Queen persönlich zu verabschieden. Dittert stand selbst an in „The Queue“ und berichtet, wie die längste Schlange der Welt als ein Ausdruck von Britishness die Themse entlang bis zur Westminster Hall mäanderte, um der Queen den ihr nach Meinung der Wartenden gebührenden Respekt zu zollen. In der Schlange waren sie alle gleich (S. 20).
Nach fast zwei Jahrzehnten Leben in London und nach zwölf Kapiteln, die nicht aufgeben, in dem Tun oder Nicht-Tun, dem Sein oder Nicht-Sein der britischen Bevölkerung, egal aus welcher Klasse sie entspringt, etwas Verbindendes aufzuspüren, entwirft die Autorin ein facettenreiches Bild der eigenwillig-charmanten Briten, deren prekäre wirtschaftliche und soziale Situation – nicht nur infolge des EU-Austritts – im Alltag spürbar ist und die doch stets Haltung bewahren. Und von denen heute vielleicht sogar die Mehrheit den Brexit bereut.
Informationen zur Autorin:
Annette Dittert studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und an der Freien Universität Berlin. Sie ist Journalistin, Moderatorin, Korrespondentin, Filmemacherin und war Studioleiterin für die ARD in Warschau, New York und London. Seit 2025 ist sie britische Staatsbürgerin.
Informationen zum Buch:
Dittert, Annette: Dear Britain. Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens. Köln: DuMont Buchverlag 2026. 256 Seiten.
Hardcover: ISBN-Nr. 978-3-7558-0069-9. 24,00 Euro.
E-Book: ISBN-Nr. 978-3-7558-1194-7. 19,99 Euro.










