Buchrezension: Denke wie Sokrates. Die Philosophie der Antike als Lebensweise in der modernen Welt

„Das Bild von Sokrates in den Dialogen Platons entspricht keiner historisch exakten Aufzeichnung von Begebenheiten, Gesprächen, Aussprüchen. Aber auch wenn es sich um keine Aufzeichnung handelt, so ist es doch auch keine reine Erfindung.“


Dieses Zitat von Karl Jaspers (1883–1969) führt in das Buch ein. Als Psychotherapeut und Autor mit über zwanzigjähriger Erfahrung greift Donald J. Robertson auf die Prinzipien und die Philosophie der Antike zurück, allen voran derjenigen von Sokrates, dem wir durch die Gassen Athens und auf die Agora folgen dürfen. Da es keine überlieferten Schriften von Sokrates selbst gibt, orientiert sich der Autor an den Dialogen Platons.


Wie kann eine Person, die vor nahezu 2.500 Jahren gelebt hat, uns heute, in einer von Technik dominierten Welt bei den aktuellen Herausforderungen eine Richtung weisen? 


Wir erfahren, dass Sokrates, wie die meisten Philosophen der Antike, das Streben nach Weisheit und das Versprechen des psychischen Wohlbefindens als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet (S. 24) und uns statt Antworten eine Fragetechnik, eine Methode der Gedankenklärung, hinterlassen hat. Robertson zeigt auf, wie auch die damalige Welt beeinflusst wurde von populistischen Machenschaften rhetorisch geschulter Politiker und Meinungsmacher. Die damaligen Sophisten vergleichbar mit den heutigen Populisten oder Influencern? Als gemeinsames Wirkungsfeld lässt sich die Beeinflussung von anderen identifizieren, meist um die eigenen Interessen zu wahren. Die Zuhörenden bekommen dabei das zu hören, was ihre Aufmerksamkeit erregt – eine Vorgehensweise, die Sokrates als Anbiederung bezeichnet hat. 


Das Buch führt durch entscheidende Abschnitte in der Historie Athens, bis zu dessen Untergang. Es offenbart in dieser Entwicklung auch den Untergang der Demokratie, die ursprünglich für mehr als 100 Jahre ein friedliches Auskommen garantiert hatte. Mit den Ohren denkend statt mit dem Verstand, läuft der Mensch Gefahr, von Meinungen vereinnahmt zu werden, ohne persönliche Weisheit zu erlangen. Diese könnte ihm helfen, um Meinungen und Wahrheiten auseinanderzuhalten. Fakten oder Fake News, politische Ränkespiele waren also vor 2.500 Jahren durchaus vergleichbar mit heute und auch damals – ohne die mannigfaltigen Ablenkungsmöglichkeiten durch technisches Drumherum wie heute – ein Instrument der Mächtigen, um Menschen zugunsten ihrer eigenen Interessen zu manipulieren.


„Er musste jedoch mitansehen, wie die athenische Demokratie zunächst von Demagogen gekapert wurde und dann in eine Oligarchie, also in eine Herrschaft der Wenigen zurückfiel, die schließlich in Tyrannei – was wir heute Autoritarismus nennen – endete.“ (S. 29)


Die sokratischen Dialoge

Die Fähigkeit, überlegt zu schlussfolgern und nicht den ablenkenden, katastrophisierenden, manipulierenden Reden aufzusitzen, war die Kunst, die der Autor Sokrates zuschreibt, und ist die Kunst, die es heute ebenso benötigt. Aus der sokratischen Philosophie Nutzen zu ziehen, für eine faire Debattenkultur, aber auch als kognitive Therapie, in Fällen von Selbstzweifeln und Unsicherheiten, das ist das erklärte Ziel des Autors. Es geht dabei auch darum, die emotionale Widerstandsfähigkeit zu verbessern, damit die psychische Gesundheit erhalten bleibt. Robertson sieht in Sokrates den Urgroßvater der modernen Selbsthilfe und Psychotherapie (S. 34).


Das Erkaufen von wertlosen Freundschaften mit materiellen Geschenken entlarvte Sokrates in seinen philosophischen Lehren mit der Glaubwürdigkeit eines von materiellen Dingen unbeeindruckten Menschen. Zeitlebens lief er barfuß und mit einfachster Robe durch Athen und demonstrierte damit seine Unverführbarkeit gegenüber Besitz und Statusobjekten. 


Das Buch verdeutlicht anhand einiger Dialoge Sokrates Art der Fragetechnik. Fragen, geleitet von der Suche nach Wahrheit und Weisheit. Fragen, die ihren Sinn darin sahen, das eigene, aber auch das gemeinsame Denken zu bereichern. Neue Erkenntnisse zu gewinnen. Fragen, die andere auch schon einmal bloßstellten, besonders dann, wenn sie sich ihrer selbst und ihrer rhetorischen Technik allzu sicher schienen. Fragen, die auch verwirren konnten, den sie bohrten sich in die Tiefen des Unreflektierten.


Mehrere Abschnitte im Buch zeigen Möglichkeiten auf, wie sich die sokratischen Dialoge in eine heutige Beratung einbeziehen lassen. Einerseits zur Klärung der eigenen Gedanken und Positionen. Andererseits zur Kontrolle der eigenen Emotionen. Mit Hinweisen auf psychologische Erkenntnisse werden auch Denkfehler aufgezeigt, die in unterschiedlicher Weise Einfluss nehmen können. Menschen, die ängstlich sind, neigen dazu, Risiken zu groß einzuschätzen, während diejenigen, die wütend sind, zum Gegenteil neigen – und dabei mögliche Gefahren unterschätzen (S. 272).


Schwanengesang

Im letzten Kapitel kommt Phaidon zu Wort, der sich gegen das Todesurteil für Sokrates auflehnt und dem Freund in dieser letzten Stunde beisteht, um auch hier von seiner Haltung zu lernen: mit Würde und gelassen dem Tod ins Auge zu schauen. Angstfrei und besonnen schien Sokrates sein Urteil anzunehmen. Fügte sich, als souveräner Bürger, auch in diesem, gegen ihn gerichteten Falle, den Gesetzen Athens. Und hinterließ auch damit ein Erbe, nicht nur für die nachfolgenden Athener und Philosophen.


Über das Buch:

Robertson, D. J.: Denke wie Sokrates. Die Philosophie der Antike als Lebensweise in der modernen Welt. München: FinanzBuch Verlag 2025. 400 Seiten. ISBN-13‎ 978-3-95972-818-8. 18,00 Euro.


Über den Autor:

Donald J. Robertson wurde 1972 in Ayrshire, Schottland, geboren. Nachdem er lange Zeit in England gelebt und in London gearbeitet hatte, wanderte er nach Kanada aus und wohnt jetzt in Quebec. Robertson arbeitet als Psychotherapeut und greift für seine Trainings und Workshops auf die philosophischen Tugenden und Prinzipien zurück, um Menschen dabei zu helfen, ihre eignen Gedanken und Einstellungen zu überprüfen.



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