Die psychologische Analyse der kollektiven Verarbeitung
Die Mitscherlichs schauen in ihrem Buch allerdings über den individuellen Bezug und die einzelnen Lebensgeschichten hinaus. Ihre Analyse bezieht sich auf die kollektive Umgehensweise mit den erfahrenen Geschehnissen. Welchen Realitätsbezug gab es zu dieser Katastrophe? Wie hat sich die deutsche Bevölkerung gesehen? Besiegte, Befreite, Täter, Opfer, Schuldige, Unschuldige, Verantwortliche, Mitverantwortliche oder Nicht-Verantwortliche?
Vorstellungen, die über die Zeit des Nationalsozialismus oder Hitler kursierten, wiesen für die Mitscherlichs auch in den 1960er-Jahren noch darauf hin, dass eine Auseinandersetzung mit verdrängten Inhalten immer noch nicht abgeschlossen war. Ihr Anspruch für dieses Buch war es, dorthin zu gelangen, wo um die geschichtliche Wahrheit gerungen wird, nicht aber die effektivste Abwehr dieser Wahrheit herauszufinden.
„Unsere Überlegungen möchten zur Aufhellung des vielfältigen Motivationszusammenhangs zwischen Ereignissen unserer Nazivergangenheit und einem Mangel an sozialer Gestaltungskraft in unserer Gegenwart beitragen.“ (S. 23)
Wie geht man mit einer Niederlage um, wenn man einen Krieg mit der völligen Vernichtung des Gegners angekündigt hatte? Seit 1933 hatte sich der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung dem Traum von Weltmacht und herrschaftlicher Größe hingegeben. Viele Deutsche waren von Anfang an davon begeistert, andere haben sich von dieser Idee verführen lassen und den Traum gerne mitgeträumt. Nicht alle waren Mitläufer, wie es manchmal in der Nachkriegszeit gerne dargestellt wurde. Alle Schichten fühlten sich mit dem Scheitern des Systems ihrer persönlichen Verantwortung entbunden. Die „Gehorsamsthese“ kam auf, verantwortlich war der Führer. Das Wirtschaftswunder inszenierte eine erfolgreiche Ablenkung: Die deutsche Wertarbeit und das Fehlverhalten der Siegermächte in eigenen politischen Entscheidungen beruhigten die Gemüter und überdeckten Zweifel und Scham.
Hier kommen die Mitscherlichs zu einer klaren Schlussfolgerung: Was Hybris sträflich aufs Spiel gesetzt hat, darf nicht als Fantasiegestalt im Hintergrund kursieren. Das führt zu Realitätsverlust und verhindert das Trauern.
„Diese deutsche Art, das schier Unerreichbare kompromisslos so zu lieben, dass das Erreichbare darüber verlorengeht, wiederholt sich in der deutschen Geschichte seit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.“ (S. 16)
Die nicht verarbeitete Trauer führt zu Abwehr-, Vermeidungs-, Verdrängungs- und Negierungsstrategien, die noch heute nachwirken können. Denn Menschen sind zwar lernfähig, aber Lernen funktioniert nur im freien Geist, im angst-freien Geist. Verlust und nicht verarbeitete Trauer schaffen aber Ängste und suchen gleichzeitig nach Scheinsicherheiten, die nur aus der eigenen begrenzten Erfahrungstruhe kommen. So erkannten die Mitscherlichs in ihrer kollektiven Analyse Verhaltenstendenzen, die das Verarbeiten von Verlusten vermeiden:
- Abwehrmechanismus gegen die Nazivergangenheit
- Verleugnung der Niederlage
- Reaktionsträgheit (deutsches und zeittypisches Verhalten)
- Verhärtung in nationalsozialistischer Selbstbezogenheit als Wurzel
Die Mitscherlichs machten sich damals schon Sorgen darüber, wie stabil die Leidenschaft für die Demokratie wohl sein würde, „[…] wenn die bundesrepublikanischen Geschäfte einmal entschieden schlechter gehen sollten“ (S. 7) – 1967 (!) eine erschreckend klare Vorahnung des Wahlverhaltens von scheinbar „abgehängten“ Bundesbürgern zugunsten von extremistischen Parteien aus dem rechten und dem linken Spektrum!
Sie sahen die Kombination von demokratischer Gedankenfreiheit und Wohlstand als eine zentrale Errungenschaft und gleichzeitig das viel gepriesene Wirtschaftswunder als eine gelungene Ablenkung von der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Gefährliche Auswirkungen auf die Gesundheit des Einzelnen und auf die Gesellschaft als Ganzes
Ist somit die gewonnene demokratische Freiheit ein günstiger Zufall, kann sie auch wieder verloren gehen oder wird sie sogar geopfert? Diese Fragen stehen aktuell in Deutschland (wieder) im Raum und hatten bereits damals, vor nunmehr 60 Jahren die Mitscherlichs dazu animiert, dieses Buch zu schreiben.
Wird es unserer Gesellschaft gelingen, im demokratischen Diskurs aktuelle Herausforderungen wie den Klimawandel, aber auch die Instabilität der westlichen Allianz sowie die wirtschaftliche Umgestaltung des Arbeitsmarktes anzunehmen und zu bewältigen? Oder sind wir verführbar für neue Populisten, die unsere demokratischen Errungenschaften angreifen oder sogar ganz infrage stellen? Finden wir Wege aus der Krise, bei denen die demokratische Mitte stabil und belastbar bleibt, oder ziehen die Extremkräfte nach links und nach rechts?
Es wird nicht einfach, aber es wird sich zeigen, ob Alt und Jung die Demokratie als Staatsform weiter unterstützen, auch wenn sie scharf angegriffen wird. Gegen eine zunehmende Gewaltbereitschaft rechtsradikaler Gruppen ist das Eingreifen des Rechtsstaats gefragt. Gegen die Aushöhlung der Meinungsfreiheit dürfen und müssen sich Verlage, Publizist*innen und Journalist*innen aufbäumen.
Auf der Basis ihrer Erfahrungen in der psychiatrischen Klinik in Heidelberg, wo sie kriegstraumatisierte Menschen behandelten, zeigten sich den Mitscherlichs Abwehr- und Verdrängungstendenzen, die auf den Zusammenhang mit der „Unfähigkeit zu trauern“, also nicht gemachten Verlusterfahrungen hinwiesen. Das Ausbleiben von Trauerreaktionen des Einzelnen, aber auch als gesellschaftliches Phänomen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Themenkomplex, vor dessen Hintergrund das Buch entstanden ist.
„Wo aber Gedankenfreiheit nicht fortwährend kritisch herausgefordert wird, ist sie in Gefahr, wieder zu verlöschen. Denn sie ist an den schwächsten Teil unserer seelischen Organisation, an unser kritisches Denkvermögen geknüpft.“ (S. 8)
Eine Störung von Trauerarbeit beim Einzelnen hat Einfluss auf dessen persönliche seelische Entwicklung, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und seine spontanen und schöpferischen Fähigkeiten.
„Trauer ist ein seelischer Prozess, in welchem das Individuum einen Verlust verarbeitet.“ (S. 9)
Nicht zu trauern, bedeutet, einen Zustand der Abstumpfung hinzunehmen, der sich durch Verarmung in den Kontakten sowie in den von Gefühl und Denken getragenen Kommunikationsprozessen äußert.
Die Mitscherlichs wollten mit ihrem Buch einem erkennbaren wohlorganisierten inneren Widerstand gegen die Durcharbeitung eines Stücks unserer Geschichte und der damit unweigerlich verbundenen – auch objektiv betrachtet unerträglichen – Schuldbetrachtungen etwas entgegensetzen.
Ihre Empfehlung, wie Einzelne, aber auch das Kollektiv – also die Gesellschaft – das Trauern gestalten können, basiert auf der Freud’schen Psychoanalyse:
- Erinnern
- Wiederholen
- Durcharbeite
Das Buch sollte dabei als Orientierungshilfe dienen und gehörte gleichzeitig zu einem sozialpsychologisch-sozialmedizinischen Forschungsprojekt.
„Wo Schuld entstanden ist, erwarten wir Reue und das Bedürfnis der Wiedergutmachung. Wo Verlust erlitten wurde, ist Trauer, wo das Ideal verletzt, das Gesicht verloren wurde, ist Scham die natürliche Konsequenz.“ (S.36)
Die soziale Identität beeinflusst die Haltung und das Verhalten des Individuums. Es kann seine Sicht weiten oder begrenzen. Mit Blick auf die ehemalige DDR stellt sich die Frage, ob die friedliche Revolution der ehemaligen Ostdeutschen im Jahre 1989 heute als gelungen und abgeschlossen gelten kann. Betrachtet man aktuelle Ergebnisse der Landtagswahlen, so drückt sich darin eine große Unzufriedenheit mit den regierenden Parteien aus. Dass die ehemals traditionell stärker antifaschistische Staatsform der DDR einen solchen Rechtsruck erfährt, erstaunt nicht mehr ganz so sehr, wenn man die Folgen der Unfähigkeit zu trauern betrachtet: Möglicherweise wurde hier weder das Ende des Nationalsozialismus noch das Ende der Staatsdiktatur der DDR mit ihren geschürten Hoffnungen und konkreten Vor- und Nachteilen angemessen betrauert.
Konsequenzen: Chancen und Risiken
Für die Mitscherlichs demonstrieren ein grundsätzlicher Mangel an Neugier, mangelndes Interesse an Erkenntnisprozessen und wenig Interesse an einer Neuordnung der Gesellschaft überhaupt die kollektive Verarmung oder Abstumpfung als Folge des Nicht-Trauerns.
„Das Land scheint in seiner Kraft, politisch wirksame Ideen hervorzubringen, erschöpft, da die meisten seiner Bürger mit den Ideen des Rassismus und der Herrschaftsideologie des Nationalsozialismus einverstanden waren. Sie haben in der Tat mit dem Untergang der Naziherrschaft die Grundlage ihrer Orientierung verloren.“ (S. 21)
Nach Freud verleugnet eine Neurose die Realität nicht, sie will nur nichts von ihr wissen. Vielmehr soll die Welt sich nach der Neurose richten. Das Aufrechthalten von Abwehrstrategien verbrennt Energie. Statt Trauerarbeit im Konkreten verbreitete sich im Nachkriegs- und Wirtschaftswunder-Deutschland eine Melancholie der Ablehnung (auch von eigener Schuld).
„Die Abwehr kollektiv zu verantwortender Schuld – sei es die Schuld der Handlung oder die Schuld der Duldung – hat ihre Spuren im Charakter hinterlassen.“ (S. 24)
Wo psychische Abwehrmechanismen wie etwa Verleugnung oder Verdrängung bei der Lösung von Konflikten – beim Individuum oder beim Kollektiv – vorherrschen, schränkt sich die Realitätswahrnehmung ein und stereotype Vorurteile breiten sich aus. Dies ist heute aktueller denn je, zum Beispiel dann, wenn laut nach Re-Migration gerufen wird, weil Menschen mit Migrationshintergrund angeblich die Sicherheit in unserem Lande gefährden.
„Vorurteile sind, genauer betrachtet, ein verblüffendes Phänomen. Wer von ihnen sicher gedeckt ist, lebt oft angenehm, denn er weiß mühelos über Dinge Beschied, von denen er wenig versteht.“ (S.135)
Meinungsbesessenheit und Hetze würden sicherlich auch das Autorenpaar in seinen Annahmen und Erkenntnissen gleichermaßen erschrecken wie bestätigen. Zeitlebens haben sie sich eingebracht, das Nachkriegsdeutschland mitaufzubauen und die Demokratie mitzugestalten. Ihr Werk ist Ausdruck ihrer Sorge wegen einer mangelnden bewussten Entwicklung, die gegen zerstörerische Tendenzen und Hybris immunisiert.
Den beiden überzeugten Demokraten Margarete und Alexander Mitscherlich war es ein Anliegen, die Demokratie mitzugestalten und nachhaltig zu sichern. Ihr Buch ist als Orientierung und Leitidee für ein solches Gelingen heute noch - oder gerade wieder besonders - relevant. Neben den landesspezifischen Geschehnissen in Deutschland ist die Verarbeitung von Trauer etwas Allgemeingültiges, Universelles und das Buch somit als mögliche Pflichtlektüre auch in sehr heterogenen Schulklassen geeignet, wo sich Schülerinnen und Schüler versammeln, die andere kulturelle Prägungen haben, aber ebenfalls Verluste erfahren haben.
„Von allen Staatsformen gewährt die parlamentarische Demokratie ihren Mitgliedern das größte verbriefte Recht auf individuelle Freiheit. In Tat und Wahrheit ist der Spielraum nicht groß. Es kann deshalb nicht als Ausdruck eines ängstlichen Pessimismus gedeutet werden, wenn man sich um den Fortbestand dieses Wenigen Sorge macht. Denn offenbar fällt es unvergleichlich schwerer, eine kollektive Lebensform zu erreichen, welche Gedankenfreiheit gewährt – als Basis jeder Freiheitserfahrung –, als diese Freiheit wieder zu verlieren.“ (S. 7)
Zum Autorenpaar:
Alexander Mitscherlich, 1908 – 1982. Studium der Geschichte und Medizin unter anderem in München, Zürich und Heidelberg, 1941 Promotion in Heidelberg. 1946 Privatdozent für Neurologie an der Universität Heidelberg mit Aufbau des ersten Psychosomatischen Instituts an der Klinik Heidelberg. 1959-1976 Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt. Berater bei den Nürnberger Prozessen. Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1969.
Margarete Mitscherlich-Nielsen, 1917 – 2012, geboren in Gravenstein/Dänemark, Studium der Literatur und Medizin unter anderem in München und Heidelberg, 1950 Promotion in Tübingen. Ärztin, Psychoanalytikerin, Feministin und Autorin, wissenschaftliches Mitglied des Sigmund-Freud-Instituts und des PEN-Zentrums Deutschland, sowie der internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft und verschiedener internationaler Arbeitskreise. Preisträgerin des Bundesverdienstkreuz 2001.
Zum Buch:
Die 1. Auflage des gebundenen Buchs erschien 1967 im Piper Verlag, die des Taschenbuchs 1977. Aktuell ist die 29. Auflage im Handel:
Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. Klassiker der Psychoanalyse. München: Piper Verlag 2025. 29. Auflage. 400 Seiten. Broschur. Taschenbuch: EAN 978-3-492-20168-1. 18,00 Euro. E-Book: EAN 978-3-492-96355-8. 17,99 Euro.