Hannah Arendt – eine Hommage an die unerschrockene Denkerin

„Was wir sind und scheinen, 

Ach, wen geht es an.“


Diese ersten beiden Zeilen eines Gedichts von Hannah Arendt passen zu der die Poesie liebenden Essayistin, Journalistin, Autorin und Philosophin, die sich selbst als politische Theoretikerin bezeichnete. Ein Beitrag anlässlich ihres 120. Geburtstages am 14. Oktober.


Wen geht es an? Wer fühlt sich angesprochen? Wer hat Interesse, mehr über die unerschrockene Zeitgenossin des dramatischen 20. Jahrhunderts zu erfahren, die uns als Betroffene, wache Beobachterin und streitlustige Kritikerin genügend Stoff zum Denken hinterlassen hat. 


„Was nach dem Tod aus uns wird, hängt von der Welt ab […]“ Das Gedenken vollzieht sich aus dem Umgang mit den Toten und ihrem Nachlass. So formulierte es Hannah Arendt im März 1969 in Basel in ihrer Laudatio anlässlich der Gedenkfeier zum Tod von Karl Jaspers, ihrem Doktorvater, mit dem sie zeit ihres Lebens in Kontakt blieb. 


Ein Moment des Innehaltens, ein kurzes Nach-Denken über meine Lieblingsphilosophin Hannah Arendt, die sich selbst als streitlustig beschrieb. Eine unerschütterlich Suchende und Neugierige, deren Willens- und Schaffenskraft dem „Ich will verstehen“ gewidmet war. Sie sah sich keiner Denkschule verpflichtet, hegte aber eine gewisse Verehrung für die antiken Griechen, allen voran Platon und Aristoteles, und den Kirchenphilosophen Augustinus, über dessen Liebesbegriff sie 1928 unter dem Titel „Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation“ bei Jaspers promoviert hatte.


Die Denkerin

Arendts Art eines „Denkens ohne Geländer“ hatte sich freigeschwommen von etablierten Vorgaben und philosophischen Rahmungen, insbesondere auch deshalb, weil aus ihrer Sicht der Nationalsozialismus alle bisherigen verpflichtenden Wertmaßstäbe vernichtet hatte. Das Unmenschliche einer „Todesfabrik“, wie sie die Konzentrationslager bezeichnete, hätte niemals geschehen dürfen. Im Interview mit Günter Gaus 1964 bezeichnete sie dies als „etwas, mit dem wir alle nicht fertig werden können“. 


Hannah Arendt, die heute viel zitiert und verehrt wird, sorgte gleichzeitig auch für Kritik. Sie verärgerte ihre Freunde und nächsten Bekannten mit ihren bahnbrechenden Schlussfolgerungen über den Eichmann-Prozess. Ihre Veröffentlichungen im Magazin des New Yorker erhielten einen der ersten medialen „Shitstorms“, wie man heute sagen würde. Körbeweise erreichten sie Briefe aus aller Welt. Die jüdische Gemeinschaft war empört aus zwei Gründen: wegen der Darstellung Eichmanns als einen „nicht-denken-wollenden-könnenden-pflichtausübenden Beamten oder Befehlsempfänger“ und wegen des Hinweises auf die administrative Mitwirkung der Judenräte. Ihre Fragestellung, was wäre geschehen, wenn hier nicht Gefolgschaft, sondern Verweigerung ins Chaos geführt hätte, war als Frage zu früh in dieser damaligen Zeit: Der Schmerz und die unbegreiflichen Geschehnisse waren noch längst nicht genug betrauert oder verarbeitet. Der Wunsch zu verstehen, das Motiv ihrer Untersuchung und Urteilsbildung, die unmissverständlich auch unliebsame Tatsachen ansprachen, erscheint, im Sinne Arendts, verständlich und nachvollziehbar, gleichzeitig aber nicht empathisch den Opfern und den Überlebenden gegenüber.

Die Netzwerkerin

Grit Straßenberger, Politikwissenschaftlerin an der Universität Bonn, bezeichnet Hannah Arendt in ihrer 2025 erschienenen Biografie „Die Denkerin: Hannah Arendt und ihr Jahrhundert“ als eine eigensinnige Denkerin, die aneckte mit ihren Überlegungen, die aber keine Einzelgängerin war und sein wollte (S. 14). Arendt suchte das Gespräch und die Gesellschaft von Freunden, umgab sich mit denkbereiten und streitbaren Weggenossen. Aus heutiger Sicht lässt sie sich als eine geschickte und erfolgreiche Netzwerkerin ansehen, die seit ihrer Universitätszeit in Marburg viel mit Kommilitonen, Freunden, Bekannten und geisteswissenschaftlich orientierten Interessierten – dabei auch durchaus mit Kontrahenten und Kritikern – korrespondierte. Und sich dabei schriftlich austauschte und so ein weitverbreitetes Netzwerk aufbaute, welches über ihre Pariser Exilzeit hinaus bis in ihre Zeit in den USA bestand.

Sich in Beziehung zu setzen, gehörte für Arendt zur eigenen Seins-Betrachtung. Die Liste ihres Bekanntenkreises, wie es aus ihrem umfassenden Briefwechsel hervorgeht, ist riesig und laut Straßenberger (2025) ein Who is who der westlichen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ihre Auseinandersetzung mit ihrem Partner, Freundinnen und Intellektuellen erscheint wie ein ständiges Ringen um Klarheit und kommunizierbare Erkenntnisse.



Nicht nur als Netzwerkerin, als die wir sie heute betrachten können, sondern auch als Berichterstatterin hat sich Hannah Arendt hervorgetan. Ihr Bericht über den Eichmann-Prozess, der nach seiner Veröffentlichung im Magazin des New Yorkers 1963 auch als Buch veröffentlicht wurde, erzählt darüber seine eigene Geschichte.

Die Berichterstatterin

Sie selbst hatte sich dem Verlag als Berichterstatterin angeboten und verbrachte Wochen und Monate in Jerusalem, um dem Prozess Eichmanns in den 1960er-Jahren beizuwohnen. Sie wollte sich selbst ein Bild machen, sich orientieren, mit welcher Art Mensch man es hier zu tun hat. Es ging ihr darum, ein eigenes Urteil zu fällen über die nationalsozialistische Gesinnung und Rechtfertigung des geschehenen Massenmordes an den Juden. Nachdem sie die Nürnberger Prozesse verpasst hatte, wollte sie sich einen persönlichen Eindruck verschaffen durch den vor Gericht gestellten lebenden Repräsentanten Adolph Eichmann, der die Deportationen von Juden in die Konzentrationslager zu verantworten hatte. Eine ausschließlich administrative Verantwortung, wie es Eichmann, zu ihrer Überraschung, betont darstellte.

Hannah Arendts Schlussfolgerungen führten zum Aufbegehren und zum Widerspruch auch in ihren engsten Freundeskreisen. Sie erklärte Eichmann nicht als Mephisto, nicht als Monster. Sie sprach ihm das Diabolisch-Böse ab. Sie demontierte den nationalsozialistischen Befehlsausführer zu einer Clownsfigur, einem Menschen, der sich dem Denken verweigerte – aus Unfähigkeit oder aus Unwilligkeit. Sie sah in ihm den Verwaltungsbeamten, der sich dem Führer und seiner Ideologie freiwillig versklavt hatte.

Die politische Theoretikerin

Arendts Veröffentlichung über ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen „Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ erzürnte die gesamte jüdische Welt, in Israel und in den USA. Der Shitstorm machte nicht halt vor ihrem Kollegen- und Freundeskreis. Er löste eine Lawine des Protestes aus, der die Autorin schmerzvoll berührte. Sie setzte sich mit vielen dieser Anfeindungen auseinander, schrieb Briefe und Antworten, erklärte sich öffentlich und schriftlich. Das Ausmaß an Anstrengung dieser Jahre ist schwer nachzuvollziehen. Nach Internierung, Flüchtlingsleben und Staatenlosigkeit hätte man ihr ein ruhigeres Leben wünschen können. Sie riskierte die Auflösung ihres Lehrauftrags an der Universität The New School in New York, obwohl sie zuvor schon und auch nach der Veröffentlichung vor vollen Hörsälen doziert hatte.

Die Wahrheitssucherin

Was wir sind und scheinen,

Ach, wen geht es an.

Was wir tun und meinen,

Niemand stoss̛ sich dran.

Himmel steht in Flammen,

Hell das Firmament

Über dem Beisammen,

Das den Weg nicht kennt.

 

Hannah Arendt (1951): Denktagebuch

Doch diese möglichen Folgen und Beeinträchtigungen waren für eine Denkerin ihres Formats wahrscheinlich kein Hindernis, dem sie sich hätte beugen wollen – und es hätte auch keine Machtdemonstration gegeben, die sie von ihrem Urteil hätte abhalten können. Ihre Unerschrockenheit, ihr Mut wirken nach. Ihre Wortschöpfungen. Ihre Urteile und Schlussfolgerungen sind aus dem heutigen Diskurs nicht wegzudenken. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus, wenn der einzelne Mensch die Verantwortung ablegt? Sich hinter Befehlen versteckt? Weder Einsicht, Scham noch Reue zeigt? Stellt ein Verwaltungsmassenmord von sechs Millionen Menschen nicht die Gerichtsbarkeit von damals infrage? Und wie wäre das heute?

Das Erbe von Hannah Arendt hilft uns nicht zu verhindern, was sich gesellschaftlich oder politisch zusammenbraut, doch es gibt uns Hinweise, worauf wir achten können, zu welchen Überzeugungen und Urteilen wir kommen wollen. Und es gibt uns Hinweise darauf, von wo die meiste Gefahr droht: wenn das Denken per Postulat abgeschafft oder persönlich verweigert wird!

Zum Abschluss noch einmal ein Auszug aus Hannah Arendts Rede zur Gedenkfeier für Karl Jaspers am 4. März 1969 in der Martinskirche in Basel – und es könnte ohne Abstriche auch ein Nachruf auf sie selbst sein:

„Wir wissen nicht, was geschieht, wenn ein Mensch stirbt. Wir wissen nur: Uns hat er verlassen. Wir halten uns an die Werke und wissen doch, dass die Werke uns gar nicht brauchen. […] Dass, was an einem Menschen das Flüchtigste und doch zugleich das Größte ist, das gesprochene Wort und die einmalige Gebärde, das stirbt mit ihm und das bedarf unser, dass wir seiner gedenken.“

Weitere Informationen:

Arendt, Hannah (1964): Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München: Piper Taschenbuch 2026. 5. Auflage. ISBN / EAN: 9783492248228. 16,00 Euro.

Biografie über Hannah Arendt:

Straßenberger, Grit: Die Denkerin – Hannah Arendt und ihr Jahrhundert. München: C.H.BECK Verlag 2025. Gebundene Ausgabe. ISBN 9783406830068. 34,00 Euro.

 

 

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